Dirk Reinhardt: "Train kids"

 

Reise ohne Ankunft? 

Was treibt Jugendliche aus Lateinamerika an, sich auf eine über 2500 km lange, unbeschreiblich beschwerliche und lebensbedrohliche Reise auf Güterzügen quer durch Mexiko aufzumachen? Was ist das Ziel dieser jungen Menschen und erreichen sie dieses überhaupt? Mit dieser Frage beschäftigten sich Schülerinnen der zehnten Klassen des Stetten-Instituts bei einer Lesung aus dem Buch „Train kids“ von Dirk Reinhardt.

Guatemala, Honduras, El Salvador und Nicaragua gehören zu den ärmsten Ländern der Welt: Auf der Suche nach einem besseren Leben verlassen viele Väter ihre Familien und kehren häufig nicht mehr zurück. Um für ihre Kinder Geld verdienen zu können, entscheiden sich viele dieser Mütter schweren Herzens, in die USA zu gehen. Dort arbeiten sie häufig illegal als Haus- und Kindermädchen in der festen Absicht, nach einiger Zeit zurückzukehren – in Wahrheit bleiben sie viele Jahre.

So machen sich tausende von Kindern und Jugendlichen, die unter der Trennung von ihren Müttern leiden, auf den Weg in die USA um ihre Mütter dort zu finden und bei ihnen leben zu können. Auf ihre Fußsohlen haben sie sich Telefonnummer und Adresse eintätowieren lassen. Von hundert Jugendlichen erreicht nur ein einziger sein Ziel…

Auch die Protagonisten des Buchs „Train kids“,  Miguel, Fernando, Emilio, Jaz und Ángel sind gemeinsam auf dieser lebensgefährliche Reise unterwegs. In eindringlichen Szenen schildert der Autor die Erlebnisse und den Leidensdruck der Jugendlichen: wie sie sich beim Auf- und Abspringen auf die Züge verletzten und sich bis zur Erschöpfung verausgaben, wie sie Razzien und Gewalt durch korrupte Polizisten erleben, aber auch unerwartete Hilfe und Solidarität durch die Kirche erhalten. Der Traum von einem besseren Leben ohne Armut und Kriminalität lässt sie nicht aufgeben, und ihre Freundschaft hilft, dies alles ertragen.

Entstanden ist dieser realitätsnahe und authentische Jugendroman nach umfangreichen Recherchen des Autors und vielen Gesprächen mit Betroffenen in Mexiko.  Das „Geschäft“ mit den Flüchtlingen ist einträglich und zugleich unerträglich:  Schleuser kassieren ab, Drogenkartelle verlangen Lösegeld, Menschenrechtsverletzungen stehen auf der Tagesordnung – unendliches Leid, Tag für Tag, nicht nur in Mexiko.

Dem promovierten Historiker und Autor gelingt es mit diesem Jugendbuch, die aktuellen Themen „Flüchtlinge“ und  „Armutsmigration“ literarisch umzusetzen und zum Nachdenken anzuregen: zahlreiche Schülerinnen stellten im Anschluss an die Lesung Fragen an den Autor, die dieser gerne und ausführlich beantwortete. Das Buch „Train kids“ wurde für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2016 nominiert.